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Interview

„KI ist Game Changer, aber kein Allheilmittel.“

Künstliche Intelligenz ist eine der zentralen Schlüsseltechnologien unserer Zeit. Im Interview mit Inka Krischke, Redakteurin der Fachzeitschrift Computer & Automation, spricht Geschäftsführer Christian Wolf über TURCKs Positionierung und Beitrag zum Thema KI – ganz nach dem Motto „Smart Data statt Big Data“ setzt TURCK auf ‚Edge AI‘ statt Cloud-Last und bringt zur SPS 2025 seine AI-Kamera TIV, die in der industriellen Bildverarbeitung mit KI direkt im Feld neue Maßstäbe für Effizienz und Robustheit setzt.

Bildverarbeitung, Smart-Kameras, IIoT

1. Welche Rolle spielt KI in Ihren Sensor- und Automatisierungslösungen?

Für TURCK ist KI nicht nur ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung, sondern ein echter Game-Changer, der in nahezu allen Bereichen völlig neue Möglichkeiten eröffnet – von der Produktentwicklung über die Systemintegration bis hin zur Prozessoptimierung. KI spielt dabei nicht nur in unseren Produkten und Lösungen eine bedeutende Rolle, sondern verändert auch die dahinterliegenden Geschäftsprozesse und die Arbeitswelt insgesamt.

Trotz allem ist KI kein Allheilmittel. In vielen Automatisierungsanwendungen ist es wirtschaftlicher und schneller, Daten direkt im Feld zu verarbeiten. Wir setzen KI dort ein, wo sie echten Mehrwert schafft. Unsere Philosophie lautet seit jeher: Smart Data statt Big Data. Statt alle Daten in die Cloud zu schicken, setzen wir auf intelligente Vorverarbeitung auf Feldebene – etwa mit unserer TBEN-PLC oder logikfähigen I/O-Modulen wie ARGEE. KI kommt bei uns gezielt dort zum Einsatz, wo die Komplexität der Datenverarbeitung regelbasierte Steuerungssysteme überfordern würde – etwa bei der Bildverarbeitung oder bei der Analyse großer Datenmengen in der Cloud.

 

2. Wie unterstützt KI Condition Monitoring und Predictive Maintenance?

KI kann helfen, Muster in Sensordaten zu erkennen, die auf bevorstehende Ausfälle hindeuten – etwa durch Anomalie-Erkennung in Zeitreihen oder durch Klassifikation von Betriebszuständen. In unserer IIoT-Plattform TAS Cloud bieten wir KI-gestützte Services zur Analyse solcher Daten. Gleichzeitig setzen wir auf Sensoren, die bereits lokal – also ohne KI – Zustände erkennen und auswerten. Unsere Vibrationssensoren sind ein gutes Beispiel: Sie analysieren Daten direkt vor Ort und melden Auffälligkeiten, ohne dass die Daten erst in eine zentrale Steuerung oder Cloud übertragen werden müssen. Das spart Zeit, Kosten und erhöht die Robustheit. KI kommt dann ins Spiel, wenn die Datenlage komplex wird – etwa bei der Klassifikation von Fehlerbildern oder bei der Vorhersage von Wartungsintervallen. So entsteht ein hybrider Ansatz aus regelbasierter Intelligenz und datengetriebener KI.

„Wir entwickeln KI dort weiter, wo sie echten Nutzen bringt – etwa in der Bildverarbeitung, in der Cloud oder bei der intelligenten Datenanalyse. Die Zukunft liegt für uns in der Kombination aus intelligenter Sensorik, Edge-Computing und gezieltem KI-Einsatz.“

Christian Wolf | Geschäftsführer | TURCK GmbH

3. Gibt es Praxisbeispiele?

Ein aktuelles Highlight ist unsere neue AI-Kamera TIV (TURCK Intelligent Vision), die wir auf der SPS in Nürnberg präsentieren. Die Kamera ist eine leistungsstarke, KI-basierte All-in-one-Vision-Lösung für anspruchsvolle industrielle Anwendungen. Ihre selbstlernenden Funktionen – darunter Differenzprüfung, Klassifikation, Objekterkennung und Barcode-Lesen – benötigen keine separate Verarbeitungseinheit. Damit ermöglicht die Kamera eine schnelle und einfache Inbetriebnahme direkt am Einsatzort, und komplexe visuelle Prüfaufgaben lassen sich lösen, ohne dass große Datenmengen in die Cloud übertragen werden müssen. 

Mit Schutzklasse IP67 ist die Kamera auch für den Einsatz unter rauen Industriebedingungen bestens geeignet. Die AI Cam steht für robuste, intelligente und skalierbare Bildverarbeitung direkt an der Edge – und ist damit ein zentraler Baustein unserer Industrial-AI-Strategie.

Ein anderes Beispiel sind unsere Condition-Monitoring-Sensoren, die Daten lokal auswerten und auf Basis von Schwellenwerten oder logischen Verknüpfungen reagieren – ganz ohne KI, aber hoch effizient. Diese regelbasierte Intelligenz ist oft kostengünstiger und schneller als KI – und für viele Anwendungen völlig ausreichend. Die Kombination aus dezentraler Intelligenz und KI-gestützter Analyse zeigt, wie wir bei TURCK den Einsatz von KI pragmatisch und anwendungsorientiert gestalten.

 

4. Wie lässt sich KI in IO-Link-Umgebungen einbinden?

IO-Link ist eine hervorragende Technologie und die ideale Basis für smarte Sensorik und strukturierte Datenkommunikation. In Kombination mit Edge-Computing lässt sich KI sehr effizient integrieren: Die Sensoren liefern strukturierte Daten, die auf Edge-Geräten vorverarbeitet und bei Bedarf in die Cloud übertragen werden. KI kann dann auf aggregierten Daten aufsetzen – etwa zur Mustererkennung oder zur Optimierung von Wartungsstrategien. Wichtig ist, dass die KI nicht zwingend im Sensor selbst sitzen muss, sondern über die IO-Link-Infrastruktur angebunden und intelligent genutzt werden kann. So entsteht ein flexibles System, das KI dort einsetzt, wo sie wirklich gebraucht wird.

5. Welche Datenquellen sind relevant?

Relevante Datenquellen sind alle Sensoren, die physikalische Größen erfassen – Temperatur, Vibration, Druck, Strom, Bilddaten und vieles mehr. Entscheidend ist nicht nur die Menge, sondern die Qualität und die Kontextinformationen. Deshalb setzen wir auf Sensorik, die nicht nur misst, sondern auch interpretiert – und auf Systeme, die Daten dort verarbeiten, wo sie entstehen. So vermeiden wir unnötige Datenflut und schaffen die Grundlage für gezielte KI-Anwendungen.

 

6. Welche Vorteile bringt Edge AI?

Edge AI bringt mehrere Vorteile: Sie reduziert das Datenvolumen, spart Bandbreite und ermöglicht schnelle Reaktionen. Statt alle Daten in die Cloud zu schicken, analysieren wir sie direkt am Ort des Geschehens – etwa mit unserer TIV-Kamera oder mit Edge-Controllern. Das ist besonders wichtig für zeitkritische Anwendungen, bei denen jede Millisekunde zählt. Außerdem erhöht Edge AI die Datensicherheit, da sensible Informationen nicht über externe Netzwerke übertragen werden müssen. Darüber hinaus trägt Edge AI zur Nachhaltigkeit bei: Weniger Datenverkehr bedeutet weniger Energieverbrauch.

 

7. Wie stellen Sie die Sicherheit der Daten sicher?

Datensicherheit ist für TURCK ein zentrales Element jeder Lösung – insbesondere im Kontext von Industrial AI. Unsere Cloud-Lösungen entsprechen höchsten Sicherheitsstandards. Wir setzen auf verschlüsselte Kommunikation, rollenbasierte Zugriffskontrollen und lokale Datenverarbeitung, wo immer möglich. Darüber hinaus achten wir auf die Rückverfolgbarkeit und Integrität der Daten – jeder Datenpunkt muss seinem Ursprung und Kontext zugeordnet werden können. Für KI-Anwendungen ist das besonders wichtig, da sie auf verlässlichen und nachvollziehbaren Daten basieren müssen. Wir bieten unseren Kunden volle Transparenz über die Datenflüsse und die Möglichkeit, eigene Sicherheitsrichtlinien umzusetzen – sowohl in der Cloud als auch am Edge. Sicherheit ist bei TURCK kein Add-on, sondern integraler Bestandteil jeder Lösung.

Ein wichtiger Meilenstein in diesem Zusammenhang ist unsere Zertifizierung nach IEC 62443-4-1 („Security for industrial automation and control systems“) – ein international anerkannter Standard für sichere Entwicklungsprozesse in der industriellen Automatisierung. Diese Zertifizierung bestätigt, dass unsere Produkte nach einem strukturierten und überprüfbaren Sicherheitsprozess entwickelt werden – von der Risikoanalyse über die Architektur bis hin zu Tests und Wartung. Diese Zertifizierung ist auch im Hinblick auf den kommenden „Cyber Resilience Act“ der EU von großer Bedeutung. Mit der IEC 62443-4-1-Zertifizierung sind wir bestens vorbereitet, um unseren Kunden auch künftig sichere und konforme Lösungen anzubieten – und das nicht nur technologisch, sondern auch regulatorisch.

AI-Vision live erleben – testen Sie TIV!

Sie wollen wissen, was unsere intelligente Vision-Lösung wirklich kann? Dann schicken Sie uns einfach Bildmaterial aus Ihrer Applikation – unsere Kameraexperten analysieren Ihre Anforderungen und führen kostenlos einen individuellen Machbarkeitstest mit TIV durch. So sehen Sie konkret, wie die TIV den Unterschied macht: schnell, präzise und zuverlässig.

8. Wie helfen Sie Kunden bei der Integration?

Wir begleiten unsere Kunden von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme. Unsere Lösungen sind modular aufgebaut – von der Sensorik über Edge-Devices bis zur Cloud. Mit Tools wie ARGEE ermöglichen wir einfache Logikprogrammierung direkt im Feld, ohne dass Programmierkenntnisse erforderlich sind. Unsere TBEN-PLC mit Codesys bietet volle Steuerungsfunktionalität in kompakter Bauform. Perspektivisch wird die Steuerungssoftware auch KI-gestützte Engineering-Hilfen anbieten – etwa durch Chatbots oder automatisierte Codevorschläge, die monotone Aufgaben übernehmen und die Qualität des Codes verbessern. So profitieren unsere Kunden nicht nur technisch, sondern auch methodisch von der KI-Integration.

 

9. Welche Branchen profitieren besonders?

Besonders profitieren Branchen mit hohem Automatisierungsgrad und komplexen Prozessen – etwa die Automobilindustrie, Logistik, Maschinenbau, Lebensmittelproduktion oder die Prozessindustrie. Dort kann KI helfen, Qualität zu sichern, Ausfälle zu vermeiden, Prozesse zu optimieren und den Produktions-Output zu erhöhen. Aber auch kleinere und mittelständische Unternehmen können von unseren skalierbaren Lösungen profitieren – etwa durch einfache Einstiegslösungen für Condition Monitoring oder durch modulare Cloud-Angebote. Wir wollen unseren Kunden Lösungen bieten, die nicht nur technologisch führend, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll und einfach integrierbar sind.

 

10. Wohin entwickelt sich TURCK mit Industrial KI?

Wir entwickeln KI dort weiter, wo sie echten Nutzen bringt – etwa in der Bildverarbeitung, in der Cloud oder bei der intelligenten Datenanalyse. KI wird dabei nicht nur einzelne Anwendungen verbessern, sondern den gesamten End-to-End-Prozess von der OT bis zur IT revolutionieren – mit Auswirkungen auf Entwicklung, Produktion, Wartung und Geschäftsmodelle. Die Zukunft liegt für uns in der Kombination aus intelligenter Sensorik, Edge-Computing und gezieltem KI-Einsatz. Deshalb setzen wir auf robuste, nachvollziehbare und skalierbare KI-Lösungen – immer mit dem Ziel, unseren Kunden echten Mehrwert zu bieten.

Autor | Inka Krischke ist Redakteurin der Fachzeitschrift Computer & Automation